kein platz für uns

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Beschreibung

belletristik, kinderbuch

co-autorin noëmi sacher
448 s. |  11 sw-illustrationen von dinah wernli
erscheint am 21. märz 2024
15 x 21 cm | hardcover
kwasi verlag 2024 || 33 fr. | 29 €
ab 15 Jahren und für erwachsene
ISBN 978-3-906183-34-3

rezensionen
neurodiversität

flora und elisabeth sind außenseiterinnen. wer mag, kann und wird sie als autistinnen sehen, die völlg unterschiedliche strategien des masking und der anpassung bzw. auflehnung verfolgen – so unterschiedlich, wie es die beiden autor*innen in ihrer jugend gemacht haben.
flora nimmt deutlich anders war. sie ist in ständigem kontakt mit der anderswelt, mit feen und dämonen, mit wassernixen und elfen. sie versteht nicht, warum andere diese wesen nicht sehen, aber sie entfernt sich von ihrer wahrnehmung als akt der anpassung. deutlich ist auch, dass sie mühe hat mit redewendungen und uneigentlichem sprechen (ironie, verstellung und lügen).
elisabeth fühlt sich unverstanden und angegriffen, weil niemand die welt so sieht, wie sie. sie entwickelt eine große wut auf das dorf, auf die ganze welt, als sie mit einem schlag ihre eltern verliert, ihren einzigen rückhalt. so isoliert sie sich völlig – bis flora kommt.

beschreibung

1806 zerstört der goldauer bergsturz vier dörfer, 457 menschen sterben und rüttelt das gesellschaftliche gefüge durcheinander.
das trifft auch flora und ihre herrin elisabeth. die beiden 17-jährigen außenseiterinnen suchen leidenschaftlich nach ihrem platz in der gemeinschaft:
flora, indem sie sich anpasst, elisabeth mit wütender auflehnung. das gegenseitige verständnis schweißt die beiden frauen zusammen, bis sie stärker sind, als es das dorf dulden kann.

ein sozialhistorischer roman über macht und ohnmacht, ordnung und unterordnung, liebe und wut, heimat und entwurzelung.

leseprobe

Elisabeth
Wahrscheinlich sollte ich weinen.
Die alten Vetteln werfen mir böse Blicke zu, vor allem die Harmettlerin. Die schaut so missbilligend, dass tiefe Furchen ihr Gesicht entstellen. Soll sie doch.
Ich habe keine Tränen. Auch keine Trauer. In mir ist es leer. Leer, während der Pfarrer den Segen spricht. Leer, während Vater heulend zusammensinkt. Leer, während ich dem Sarg zuschaue, der langsam ins Grab sinkt.
Die Blumen rutschen zitternd mit in die Tiefe. Die können nichts dafür, dass sie gleich mit Erde bedeckt werden. Sie haben niemandem etwas getan. Im Gegensatz zu all den Leuten hier, die Mitgefühl heucheln, obwohl sie uns hassen.
Und endlich spüre ich etwas. Erst heimlich im Bauch, dann heftiger, bis es brodelt. Und dann rauscht die Wut mit Wucht durch meine Brust. Sie ist mir willkommen. Wut auf das ganze Dorf! Auf die ganze Welt und auf Gott! Der immer nur so tut, als ob er gerecht wäre. Wut auf die Vetteln, die Mutter gehasst haben. Wut auf Vater, der ein jämmer­liches Bild abgibt. Sie lachen über ihn. »Wie er sich gehen lässt! Kein Rückgrat, keine Disziplin!« Und zerreißen sich über mich das Maul. »Kalt wie Schnee ist die. An der kannst du im Hoch­sommer den Most kühlen.« Und das Schlimmste: »Genau wie die Mutter.« Wie ich sie hasse!
Aber ich höre weg. Ich weiß ja, dass sie nur darauf warten, dass ich etwas Unüberlegtes tue. Dass ich mit den Händen in die aufgeschüttete Erde fahre und sie damit bewerfe. Meine Finger zucken bereits, und ich fühle, wie die Menge die Luft anhält.
Sie wollen es.
Sie wollen, dass ich um mich trete und heule. Sie warten darauf, genau wie die Krähen darauf warten, dass die letzten Soldaten das Schlachtfeld verlassen und sie sich auf die zurückgelassenen Leichen
stürzen können. Wenn der letzte Rest Selbstbeherrschung von mir abgefallen ist, werden sie sich auf mich stürzen. Sie werden meine schlechten Eigenschaften wie stinkende Eingeweide aus mir herausziehen und sich in ihrer moralischen Überlegenheit sonnen. Sie freuen sich darauf.
Allein dafür sind sie hergekommen.
Ich spüre, wie sich der Schrei in meinem Inneren aufbaut, wie der Zorn meine Brust aufwühlt und wie heiße Tränen – Tränen der Wut –
in meine Augenwinkel drängen. Und bevor ich etwas tue, was die Lästermäuler befriedigt, drehe ich mich um und renne davon. Blindlings.

Flora
Eine viertel Wegstunde gehn wir schweigend, bevor der Pfad wieder talabwärts führt. Mitten durch den Sumpf, und ich muss kichern, weil die feuchte Erde zwischen meine Zehen quillt. Und aufpassen muss ich, dass ich nicht ausrutsch. Der Bläsi hat mich noch geheißen, ich soll meine Kleider waschen, jetzt bin ich geputzt wie zu Ostern. Und da wärs ungeschickt von mir, dass ich die Röcke auf dem feuchten Boden verderb. Und dann müsst der Bläsi mich wieder mitnehmen, weil keine Herrschaft eine dreckige Magd in Dienst nimmt. »Nicht mal, wenn es Zwerge sind«, sag ich vor mich hin und muss schon wieder kichern.
Und dann bleib ich stehn, weil es mich so erstaunt, was ich seh. Vor uns stehn Häuser, aber die sehn nicht so anders aus als unsres. Was seltsam ist, das sind die Felsen, die zwischen ihnen liegen. Manche sind fast so groß wie die Häuser selbst. Dadurch sehn die tatsächlich so aus, als würden Zwerge darin wohnen, was natürlich nicht stimmt. Das seh ich jetzt auch. Die Felsen sind über die ganze Matte verteilt, als hätt eine Horde Riesen mit ihnen Murmeln gespielt. Und dazwischen wächst schönes, fettes Gras.
Jetzt dreht sich der Bläsi doch noch zu mir um. Und sagt endlich etwas, nämlich, dass die Steine wegen der Sündflut da liegen.
Die Geschichte hat mir die Katharina erzählt. Die ist aus der Bibel. Aber es leuchtet mir nicht ein, weshalb dann da Steine liegen sollen, wenn die Sündflut doch aus Wasser ist. Und dass die Sündflut gerade hier bei uns in Röthen gewesen ist, das hab ich mir auch nicht so vorgestellt. Aber mehr sagt der Bläsi nicht, und mir bleibt nichts übrig als ihm hinterherrennen, weil er geht schon wieder mit langen Schritten voraus.
Es ist seltsam, hier unten im Tal. Meine Füße laufen wie von allein. So, als ob sie gleich davonspringen wollen, wie junge Gitzi. Ich schau ihnen zu, wie sich eins so leicht vors andere setzt, und darüber verpass ich fast, wie wir ins Dorf kommen. Das erste Haus steht direkt am Weg. Es ist groß und hat einen riesigen Garten rundherum, und am Zaun wachsen Blumen in allen Farben. Ich hab noch nie gesehn, dass jemand Blumen im Garten pflanzt. Warum tun sie das? Die wachsen doch überall auf der Wiese. Aber der Bläsi lässt mir keine Zeit zum Staunen. Er geht einfach weiter. Da stehn noch mehr Häuser, und eins, das ist gar keins. Es sieht zwar so aus, aber es hat keine Zimmer, sondern unter dem Dach ist nur eine Brücke! So etwas hab ich erst recht noch nie gesehn. Warum baut jemand ein Dach über eine Brücke? Ich kann mir nur denken, dass dort ein Brückenwächter wohnt, ein Drache vielleicht. Und die Goldauer haben dem Wächter ein Dach gebaut, damit er gut auf die Brücke aufpasst. Das ist sehr lieb von ihnen. Der Fluss darunter schäumt aber auch sehr. Da ist es gut, dass sie den Brückenwächter gutmütig stimmen.
Direkt neben der Brücke steht ein großes Haus, und der Bläsi geht dort rein, während ich noch staun und mich umseh und es nicht fassen kann, dass diese Häuser zwei Reihen Fenster übereinander haben. Und dann folg ich dem Bläsi, und es ist alles so, als ob ich träumen würd: Ich steh in einem großen Raum mit Wänden aus ganz hellem Holz, und darin sind mehr Menschen, als ich je zusammen gesehn hab. Sie schwatzen und lachen laut, und der Bläsi, mein großer Bruder, der über alles Bescheid weiß und jedem die Meinung sagt, duckt sich an die Wand und schleicht um die Menschen herum, bis er einen entdeckt, den er anscheinend kennt. Er deutet auf mich, und jetzt merk ich, dass ich auch kleiner werd, als hätt jemand einen Zauber über mich gesprochen.
Aber da seh ich den Bläsi schon nicht mehr, denn mein Blick ist an einem wunderschönen Wesen hängengeblieben. Das muss ein Engel sein. Prachtvolle Locken hat er und Bänder in den Haaren, ein blaues Kleid umfließt ihn, und er spricht mit einem Mann, der Engel, in der himmlischen Sprache, mit einer warmen Stimme, aber verstehn tu ich nichts. Ich kann den Engel nur immer ansehn, und irgendwann wendet er seinen Blick zu mir. Ich hab noch nie einen Engel gesehn. Bei uns oben gibt es sie nicht. Feen schon, die sind auch sehr schön, wie sie in den Bäumen sitzen. Und dann und wann seh ich einen Drachen. Aber keine Engel. Ich schaue ihn mit offenem Mund an, und in diesem Moment weiß ich genau: Der Kari und der Josi haben unrecht, und es ist gut, dass der Bläsi mich hierhergebracht hat.

Elisabeth
Ich renne geradewegs auf die Friedhofsmauer zu. Sie ist nicht hoch, ich kann über sie hinwegspringen und verstecke mich auf der anderen Seite hinter der Linde. Das Versteck ist natürlich lächerlich, denn mir gegenüber ist die Sonne, und vor dem Eingang steht jemand. Eine Fremde. Sie schaut mich an. Mit großen Augen. Hat sie meinen Sturm über die Mauer beobachtet? Ich will das nicht! Ich bin schon drauf und dran, sie anzuschreien. Dass sie sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern soll. Dass sie verschwinden soll. Aber etwas hindert mich daran. Ich kann nicht anders, ich schaue sie genauer an. Sie kann nicht viel jünger sein als ich, sieht aus wie eine Bettlerin in ihren fadenscheinigen abgetragenen Röcken, von denen man unmöglich sagen kann, welche Farbe sie einmal hatten, und darunter schauen schmutzige Füße hervor. Verwahrlost von Kopf bis Fuß. Aber ihre Augen. Ihre Augen schauen mich freundlich an und so, als ob sie in mich hineinschauen könnten: ohne Argwohn, ohne Ekel, ohne Hinterhältigkeit.
Ich kann mich nicht erinnern, dass mich schon einmal jemand so angeschaut hat.
Meine Wut kann sich nicht gegen sie richten. Schreien passt jetzt nicht. Aber was ich sonst tun soll, weiß ich nicht.
»Ich wart auf den Engel«, sagt das Mädchen. Fröhlich. Heiter. Und doch so, als ob sie ein Geheimnis nur mit mir teilen würde.
»Engel?«
Das Mädchen nickt. »Er ist da drin. Mein Bruder hat mich rausgeschickt, und jetzt wart ich. Vielleicht kommt der Engel raus.«
Ich frage mich, ob mit ihr alles stimmt. Mit Ausnahme der Leute in der Bibel kenne ich keinen, der je einen Engel gesehen hätte. Und was sollte ein Engel hier in Goldau?!
»Da!«, ruft sie und hüpft vor Freude. Sie strahlt die Frau an, die aus der Sonne kommt. Eine Fremde, wie sie im Sommer häufig anzutreffen sind. Sie tragen elegante Reisekleider, parlieren in fremden Sprachen, und alle müssen sie dringend auf den Rigi hinauf. Dann kommen sie zurück und schwärmen davon, wie wun-der-bar alles ist, wie romantisch und wild. Sie finden uns ent-zü-ckend, und ich finde sie zum Kotzen.
Jetzt kommt der durch und durch engelige Engel auf uns zu und reicht dem Mädchen einen Apfel, nicht ohne dabei gütig zu lächeln. Wahrscheinlich kommt die Frau sich jetzt vor wie Jesus, als er die Fische vermehrt hat.
Das Mädchen strahlt und ist drauf und dran, vor Dankbarkeit in die Knie zu sinken.
Ich räuspere mich vernehmlich, woraufhin mich die Frau abschätzig mustert. Ich habe ihren huldvollen Moment ruiniert. Tja. Sie geht zurück zu ihrer Reisegesellschaft, die sich um Anton schart. Den Apfel wird sie noch vermissen, wenn sie völlig außer Atem auf dem Staffel ankommt.
»Mir gefällt alles hier«, sagt das Mädchen zu mir und bietet mir den Apfel auf der flachen Hand an. Ich bin so überrascht, dass ich fast zugreife. Aber da fällt mir rechtzeitig ein, dass ein Apfel, so schrumpelig er im Frühling auch sein mag, für sie etwas Wertvolles sein könnte. »Lass nur«, sage ich abfällig, »davon haben wir noch genug im Keller.«
Schon wieder macht sie große Augen.
Ich fühle mich bei der Lüge ertappt, denn natürlich weiß ich nicht, was in unserem Keller noch vorrätig ist. Dafür ist schließlich Rosa da. »Woher kommst du denn?«, frage ich, obwohl ich nicht vorhatte, nett zu sein.
Sie deutet mit dem Apfel hoch zum Gnipen. »Ich bin das erste Mal im Tal.«
»Du wohnst dein ganzes Leben da oben und bist noch nie in Goldau gewesen?«, frage ich nach. Das muss ich mir auf der Zunge zergehen lassen.
»Noch nie.«
»Auch nicht in Buosigen oder Lauerz? Oder in Arth?«
Sie schüttelt den Kopf und lacht.
»Du warst dein ganzes Leben lang auf dem Berg!« Unvorstellbar. Aber dann … »Dann bist du noch nie in der Kirche gewesen?« Was für ein ungeheuerlicher Gedanke!
»Der Bläsi berichtet mir immer, was der Pfarrer gepredigt hat«, sagt sie, plötzlich ernst.
»Ja, aber warum gehst du nie mit in die Messe?« So viel Ketzertum!? Und das Mädchen sieht vollkommen gesund und zufrieden aus. Ich suche in ihrer Frisur nach Teufelshörnern. Vielleicht sprießen sie auch erst aus dem Kopf, wenn ich lange genug hinsehe.
»Der Bläsi findet das unnötig. Im Haus gibt es immer viel zu tun, weißt du. Früher ist noch die Katharina daheim gewesen, das ist meine Schwester. Aber jetzt mach ich die Frauenarbeit allein.«
Die sorglose Art, mit der sie das sagt, beeindruckt mich. Ich würde das auch gerne. Einfach die Kirche schwänzen und mir nichts dabei denken. »Und an Weihnachten?«
»Feiern wir im Wald.« Wieder zeigt sie hoch zum Berg.
Die Glocken der Kapelle schlagen an, und ich fahre zusammen. Die Beerdigung ist zu Ende! Jetzt werden gleich alle hier vorbeikommen und zum Leidmahl bei uns einkehren. Rosa ist schon seit Tagen am Vorbereiten. Sofort ist die Wut wieder da. Bekochen lassen sie sich natürlich trotzdem, all die Schandmäuler und Lästerzungen! Dabei war Rosa die Einzige aus dem Dorf, die immer zu Mutter gehalten hat. Von allen Menschen hätte sie zuvorderst am Grab stehen müssen, aber stattdessen hat sie ohne Pause gerüstet und gekocht und gedeckt. Nur für diejenigen, die froh sind, dass Mutter nun unter der Erde liegt. Die Ungerechtigkeit schnürt mir die Kehle zu, und ich verstecke mich hinter der Dorflinde. Ich will nicht gesehen werden. Und ich werde nicht dabei sein, wenn sie mit vor Neugier blitzenden Augen durch unser Haus ziehen und sich gegenseitig anstoßen und auf die Dinge zeigen, die ihrer Meinung nach nicht so sind, wie sie sein sollen.
Das Mädchen ist mir gefolgt und setzt sich auf die neue Bank. Ganz andächtig tut sie das und fährt mit den Handflächen über das glatt geschliffene Holz.
»Ich heiß Flora«, sagt sie.
»Elisabeth«, sage ich zwischen zusammengebissenen Zähnen. Und wundere mich wieder über mich. Warum antworte ich ihr überhaupt?

illustrationen

 

 

Zusätzliche Informationen

Gewicht0.7 kg
Größe21 × 15 × 3.5 cm

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